Elke und Frank Fussbroich sind immer noch im TV gefragt Foto: privat
Von unserer Redaktion
Manchmal beginnt Fernsehgeschichte ganz leise – mit einem Kinderzimmer. Es war 1979, als eine junge Regisseurin namens Ute Diehl im Auftrag des WDR eine Dokumentation über Spielzeugüberfluss in deutschen Haushalten drehte.
Ein Casting in einer Kölner Schule. Was Ute Diehl suchte, war eine Familie, wie es sie tausendfach gab. Was sie fand, war eine, die das deutsche Fernsehen grundlegend verändern sollte: die Fussbroichs aus Köln-Buchheim.
In „Ein Kinderzimmer 1979“ öffnete sich erstmals die Tür zur 68-Quadratmeter-Wohnung der Familie in einer Kölner Genossenschaftssiedlung. Im Mittelpunkt: der elfjährige Frank Fussbroich und sein überquellendes Kinderzimmer. Der Film war ursprünglich als soziologische Bestandsaufnahme gedacht – und wurde ungewollt zur Initialzündung für ein neues Fernsehformat, das es bis dahin nicht gab: das reale, ungeschönte Leben im Fernsehen. Ohne Drehbuch, ohne Studio, ohne Stars.
Die erste Folge
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Mehr InformationenDas Publikum wollte mehr
Was folgte, war zunächst kein Medienhype, sondern eine stille Beobachtung. Ute Diehl hielt über ein Jahrzehnt Kontakt zur Familie, bis sich 1989 die Gelegenheit ergab, ein Langzeitporträt zu drehen. Aus dieser Idee wurde ein 85-minütiger Dokumentarfilm mit dem schlichten Titel „Die Fussbroichs – Eine Kölner Arbeiterfamilie“, ausgestrahlt am 13. Februar 1990 im WDR. Was auf den ersten Blick aussah wie eine Fernsehspielerei am Rande des Programms, erwies sich als kulturelles Ereignis. Das Publikum reagierte verblüfft, berührt – und hungrig nach mehr.
Die Medien sprachen von einer Sensation. Nicht, weil Spektakuläres geschah, sondern gerade weil es das nicht tat. „Ein Fernsehformat, das sich traut, das Normale zu zeigen“, schrieb damals ein Kritiker. Andere lobten den „sozialdokumentarischen Wert“ des Films. Die Fussbroichs wurden nicht als Kuriosität behandelt, sondern als Spiegel einer Lebensrealität, die im Fernsehen bis dahin kaum eine Rolle spielte: Arbeiterleben zwischen Wohnzimmer, Küche, Kegelabend und Mallorca-Reise. Ihr Kölner Dialekt, ihre unverstellte Art, ihre gelegentlichen Kabbeleien – das alles wurde nicht korrigiert, sondern im Gegenteil: gewürdigt.
Die Mutter aller Reality-Dokus
Schon 1991 folgte die erste Staffel der gleichnamigen Serie – und mit ihr der Beginn dessen, was man heute Doku-Soap nennt. Doch anders als die späteren Ableger im Privatfernsehen war „Die Fussbroichs“ ein Format, das sich Zeit nahm. Beobachtung statt Inszenierung. Dialog statt Dramaturgie. Es war Fernsehen ohne Filter – und darin lag seine Kraft. Natürlich blieb die Begeisterung nicht unwidersprochen. In Feuilletons wurde diskutiert, ob das Alltägliche wirklich ins Fernsehen gehöre. Kritiker warfen der Serie vor, den schmalen Grat zwischen Dokumentation und Voyeurismus nicht immer zu halten. Auch wurde infrage gestellt, ob das ganz Normale einen ausreichenden Unterhaltungswert habe – oder ob hier schlicht das Private kommerzialisiert werde.
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Mehr InformationenHeute Kultstatus
Die Resonanz beim Publikum war eindeutig. Die Fussbroichs wurden zu Fernsehfiguren mit Kultstatus. Nicht trotz, sondern wegen ihrer Unverstelltheit. 1992 folgte die Auszeichnung mit dem Grimme-Preis – eine Art offizieller Ritterschlag für ein Format, das in keine Schublade passte. Die Jury würdigte den Mut, das Unscheinbare ins Zentrum zu rücken – und damit das Fernsehen selbst neu zu denken.
Heute gilt „Die Fussbroichs“ als Mutter aller deutschen Doku-Soaps. Und zugleich als Gegenentwurf zu dem, was aus dem Genre später wurde. Keine Eskalation, kein Skript, kein Trash – sondern Nähe, Alltag, leise Tragik und rheinischer Witz. Wer den Anfang nicht kennt, könnte leicht übersehen, wie besonders das war.
Vielleicht ist das die eigentliche Leistung der Fussbroichs: Sie haben uns gezeigt, dass das vermeintlich Banale eine Geschichte wert ist. Dass Fernsehgeschichte manchmal im Kinderzimmer beginnt – und dann im Wohnzimmer weitergeschrieben wird. Ohne Kulisse, aber mit Leben.