Im Mittelalter eine der wichtigsten Städte Europas Foto: stock.adobe.com/Sina Ettmer
Von unserer Redaktion
Wer durch Soest* spaziert, spürt den Atem der Geschichte – und das ist keine Floskel.
*Ausgesprochen wird Soest übrigens mit langem „O”, wie Sooost (nicht Söst oder ähnlich).
Soest ist kein Ort, der laut ruft. Es ist ein Ort, der leise bleibt, dabei ist die westfälische Stadt im Herzen Nordrhein-Westfalens mehr als nur ein sehr hübsches Postkartenmotiv: Sie ist ein Erlebnisraum für alle, die Fachwerk nicht nur fotografieren, sondern erleben möchten, die in Kopfsteinpflaster keine Stolpergefahr, sondern Geschichten sehen und für die, die echtes Mittelalter-Flair schätzen – mit einem Hauch Gegenwart dazwischen.
Eine Altstadt wie aus dem Bilderbuch
Soest besitzt einen der besterhaltenen historischen Stadtkerne in Deutschland – über 600 denkmalgeschützte Gebäude stehen hier, manche schief, viele verwinkelt, alle voller Charakter. Die schmalen Gassen schlängeln sich an Fachwerkhäusern, deren Mauern viel gesehen haben. Knapp 50.000 Menschen leben heute in Soest, das im Mittelalter zu den wichtigsten Städten in Europas gehörte. Soest ist Mutterstadt der Deutschen Hanse

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Steine, die erzählen: Kirchen in Soest
Kirchen gibt es viele. Aber in Soest werden sie zu steinernen Erzählern. Der St.-Patrokli-Dom mit seinem wuchtigen Turm, liebevoll als „Turm Westfalens“ bezeichnet, ragt über die Dächer wie ein ewiger Beobachter. Gleich daneben: St. Petri – die älteste Kirchengründung Westfalens. Und als wäre das noch nicht genug sakrale Pracht, wartet die imposing Wiesenkirche (St. Maria zur Wiese) mit ihren gotischen Fenstern auf – darunter das berühmte „Westfälische Abendmahl“, das die Jünger in Soester Bürgergewändern zeigt. Und von der Kirche St. Maria zur Höhe haben wir da noch nicht gesprochen. Kaum ein Ort in Deutschland hat eine so charakteristische bauliche Handschrift wie Soest. Der heimische Grünsandstein prägt das Stadtbild auf eigensinnige Weise: grünlich‑grau, ungeschönt, aber ausdrucksstark.
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Der Wall ist wie in der Toskana
Eine Besonderheit, die selbst vielen Einheimischen nicht ganz bewusst ist: Soest besitzt neben der toskanischen Stadt Lucca die einzige vollständig begehbare Wallmauer Europas. Die alten Wallanlagen aus der Zeit der Stadtbefestigung wurden liebevoll erhalten und bepflanzt – heute führen sie als baumbestandete Promenade einmal rund um die Altstadt. Wer hier entlangspaziert, sieht nicht nur romantische Gärten und verwunschene Hinterhöfe, sondern bekommt auch ein Gefühl für den historischen Herzschlag dieser Stadt. Wer nach dem Kopfsteinpflaster Ruhe sucht, findet viel Grün und alte Bäume im Bergenthalpark. Der Theodor-Heuss-Park wurde 2018 aufwendig modernisiert, bietet Spielplätze und Wasserspiele.

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Kulinarik mit Geschichte
Deftig, bodenständig, ehrlich – die westfälische Küche macht keinen großen Wirbel, dafür lange satt. Das Pilgrim Haus ist ein Paradebeispiel für Zünftigkeit: Der robuste Fachwerkbau steht seit 1304 und ist damit das älteste Gasthaus der Region. Hier speist man zwischen dicken Mauern und alten Balken – und doch mit dem Komfort von heute. Drumherum laden Cafés und kleine Bistros zu westfälischer Hausmannskost oder einem Stück Kuchen am Marktplatz ein. Die älteste Pumpernickelbäckerei der Welt steht übrigens auch in Soest. Eine lokales Getränk zum Mitnehmen ist das Bullenauge, das aus Mokkalikör mit Sahne hergestellt wird.
Ruhig kann Soest – aber auch ganz anders. Zum Beispiel bei der legendären Allerheiligenkirmes: Europas größte Altstadtkirmes bringt im November Karussells, Lichter und Leckereien direkt zwischen die alten Häuser. Und auch zur Weihnachtszeit verwandelt sich die Stadt in eine festliche Kulisse, deren Markt einer der schönsten des Landes sein soll – sagt man, und man glaubt es sofort, wenn man dort ist.
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- Die Kirche St. Maria zur Wiese (im Volksmund auch Wiesenkirche genannt): Die Wiesenkirche zählt zu den schönsten spätgotischen Hallenkirchen Deutschlands. In den Fenstern des Chores befinden sich die für Westfalen bedeutendsten Glasmalereien des 14. Jahrhunderts. Berühmt ist das um 1500 entstandene „Westfälische Abendmahl“. Der Künstler ist unbekannt, aber das Glasfenster zeigt Jesus und seine Jünger beim Abendmahl mit Bier, westfälischem Schinken, Schnaps, Schweinskopf und Pumpernickel. Die Wiesenkirche sieht aus wie die „kleine Schwester“ des Kölner Domes.
- Brauhaus Zwiebel: das lokale Brauhaus der Stadt, in einem urigen schiefen Fachwerkhaus, in dem 150 Jahre lang eine Bäckerei mit wechselnden Inhabern beherbergt war. Ende des 18. Jh. soll auch ein Branntweinbrenner hier seine Destillation gehabt haben. Gebraut werden hier heute Soester Hell und Soester Dunkel sowie Saisonbiere.
- Das Erbe der Tabakdreher: In „Drostengasse“ und „Grüne Hecke“, wurde Ende des 19. Jahrhunderts Sozialbauten aus Backstein für Tabakdreher errichtet, die ihre Arbeit von zuhause aus erledigen, ein Beispiel für das Wachstum von Soest während der Industrialisierung. Der Zigarerenmacher Hubert Schmitz gründete in den 1870ern den Ortsverein der Tabakarbeiter, aus dem später der Soester SPD-Ortsvereins wurde.
- Der schiefe Turm von der Alt-St.-Thomä-Kirche: Es gibt wie viele Legenden, warum sich der Turm der Kirche so schief neigt. Eine davon: Angeblich soll sich der Turm über die Jahrhunderte den Liebespaaren zugewandt haben, die sich heimlich auf den Wällen trafen. Im Dreißigjährigen Krieg war der ursprüngliche Turm abgebrannt. Der neue wurde im Jahr 1653 aufgesetzt wurde. Ob der Turm bewusst schief angelegt wurde, um den Süd-West-Winden zu trotzen, oder sich erst im Laufe der Jahre verzog, beschäftigt Bauforscher bis heute.
- Auch die Umgebung von Soest sorgt für gute Unterhaltung: Auf dem nahegelegenen Möhnesee kann man Baden, Bootfahren oder Radeln.