Von Hong Kayser (Text + Fotos)
149 Jahre wäre er jetzt alt – und doch ist er uns in Köln irgendwie nie richtig alt geworden. Wer unsere Stadt so besingt wie er, ist unsterblich.
Er war kein feiner Herr im Frack, sondern einer mit spitzer Feder und eingängigen Melodien. Willi Ostermann, geboren am 1. Oktober 1876, gilt bis heute als der große Liedermacher der Stadt. Er sang über den Alltag in Kölle. Lieder wie „Einmal am Rhein“, „Rheinlandmädel“ oder „Kölsche Mädcher künne bütze“ sind Teil des kölschen Gedächtnisses – und bringen Karnevalssäle oder Biergärten zum Schunkeln zu bringen.

Das Sehnsuchtslied aller Kölner
Unsterblich machte ihn eine einzige Liedzeile: „Ich mööch zo Foß noh Kölle jonn.“ Vierzehn Silben, die Heimweh, Sehnsucht und Liebe zu Köln so knapp und treffend ausdrücken, dass sie auch fast ein Jahrhundert später niemanden kaltlassen. Ostermann hat damit nicht nur ein Lied geschrieben, sondern einen kölschen Gefühlszustand definiert. Das Lied stand so sehr für das Heimweh nach Kölle, dass es im Zweiten Weltkrieg wegen Wehrkraftzersetzung verboten wurde, damit die Kölschen nicht nach Hause laufen.
Der Mann, der Köln einen Soundtrack gab
Das Geheimnis seiner Popularität? Er verband Leichtigkeit mit Melancholie. Zwischen einem verschmitzten Witz und einer stillen Träne lagen bei ihm oft nur ein paar Takte. Genau diese Mischung machte ihn zum musikalischen Chronisten einer Stadt, die immer schon mehr war als Karneval und Kathedrale.
Bis zu seinem Tod 1936 schrieb er Hunderte Lieder. Manche sind in Vergessenheit geraten, andere wirken so, als wären sie erst gestern komponiert worden. Ostermann blieb der Mann, der Köln einen Soundtrack gab – ohne Studio, ohne Marketingstrategie, einfach mit Ohr für seine Leute.

Eigene Straße im Brauhaus
Und jetzt, fast 150 Jahre später, hat er eine Würdigung bekommen, die so kölsch ist, dass sie wahrscheinlich nur hier erfunden werden konnte: eine eigene Straße im Brauhaus. Im traditionsreichen Sion trägt ein neuer Bereich den Namen „Ostermanngasse“. Kein Platz im Freien, sondern ein Stück Brauhaus mit Kopfsteinpflaster-Optik, Liedzeilen an den Wänden, QR-Codes mit Infos – und sogar einer Nachbildung des Ostermann-Brunnens.
Damit ist er der erste Mensch weltweit, dem eine Straße in einem Brauhaus gewidmet wurde. Ein Denkmal, das nicht schweigsam dasteht, sondern lebt: beim Singen, beim Lachen, beim Anstoßen. Prost, Willi – auf 149 Jahre kölsche Musikgeschichte. Und auf die vermutlich feuchtfröhlichste kleinste Straße der Welt.