Barfuß auf der Bühne, die Stimme rau, das Lachen laut. So kennt Deutschland Trude Herr. Im nächsten Jahr wäre die große Kölnerin 100 Jahre alt geworden.
Ihr größter Hit beginnt mit einer Verweigerung. „Ich will keine Schokolade, ich will lieber einen Mann” sang sie 1960, und die Zeile klingt bis heute wie ein kleiner Aufstand: eine Frau, die öffentlich sagt, was sie will, statt sich mit Trost süßer Ersatzbefriedigung abspeisen zu lassen. Genau das war Trude Herr ihr Leben lang – laut, direkt, kompromisslos.
Wie Willi Ostermann Köln zum Weinen bringt
Die Karriere einer Selfmade-Frau
Sie fing als Statistin an einer Aachener Wanderbühne an, gegen den Willen ihres Vaters. Kleine Rollen am Kölner Millowitsch-Theater folgten, dann eine eigene, schnell insolvente Bühne mit ihrem Mentor Gustav Schellhardt. Zwischendurch hielt sie sich als Bardame im Kölner Homosexuellen-Lokal „Barberina” über Wasser – ausgerechnet dort, in einem Milieu, das damals selbst gesellschaftlich geächtet war, fand sie einen Ort, an dem sie sein durfte, wie sie war.
Der Durchbruch kam 1960 mit dem Schlagerfilm „Marina” und ihrem größten Plattenerfolg. Über 30 Filme, unzählige Fernsehauftritte, Karnevalsauftritte als gefeierte Büttenrednerin – Trude Herr wurde zur festen Größe der bundesdeutschen Unterhaltung. Doch was sie wirklich von ihren Zeitgenossinnen unterschied, zeigte sich erst später: 1977 eröffnete sie in Köln ihr eigenes Volkstheater, das „Theater im Vringsveedel”. Zehn Jahre lang war sie dort Direktorin, Autorin, Regisseurin, Kostümbildnerin und Hauptdarstellerin in Personalunion – ein Kraftakt, den sich damals kaum eine Frau in der deutschen Kulturlandschaft zutraute.
Das Comeback des Frank Fussbroich
Zwischen Bühnenlicht und Unruhe
Hinter der Komödiantin verbarg sich ein unstetes, oft zerrissenes Leben. Ihr Vater, überzeugter Kommunist, saß im Nationalsozialismus über Jahre im Gefängnis und im Konzentrationslager – ein Trauma, das die Familie prägte und dem sie mit dem Lied „Papa” ein Denkmal setzte. Sie selbst blieb Zeit ihres Lebens rastlos: eine fünfmonatige Reise durch die Sahara, eine Heirat mit dem Tuareg Ahmed M’Barek, die 1976 endete, später ein Lebenspartner auf den Fidschi-Inseln, wohin sie aus gesundheitlichen Gründen zog. Erst im Januar 1991 kehrte sie nach Köln zurück, ein geplantes Comeback bei RTL kam nicht mehr zustande. Im März 1991 starb sie in Südfrankreich an Herzversagen nach einem Asthmaanfall, mit nur 63 Jahren. Nur kurz vor ihrem Geburtstag am 4. Mai.
Die echte Frau von Hausmeister Krause
Der Körper als Politikum
Schon als junge Frau nannte man sie „Tutti” und, wegen ihrer Figur, spöttisch „dat Pummel”. Das deutsche Nachkriegskino gab ihr fast ausschließlich eine Rolle: die drollige Dicke, komisch, aber nie begehrenswert. Trude Herr nahm dieses Klischee an – und sprengte es zugleich. Sie tanzte barfuß, sang selbstbewusst über Männer und Verlangen, ließ sich nicht auf die Nebenrolle der Lachnummer reduzieren. Wo andere sich für ihre Figur entschuldigten, machte sie daraus eine Bühnenpräsenz, die niemand ignorieren konnte.
Die Mutter aller kölschen Band: die Fööss
Warum sie für Frauen bis heute zählt
Genau darin liegt ihre Bedeutung, die über Kölsch und Karneval hinausreicht. Trude Herr war unverheiratet, finanziell unabhängig, künstlerisch komplett selbstbestimmt – zu einer Zeit, in der das für Frauen alles andere als selbstverständlich war. Sie fügte sich weder optisch noch beruflich in die engen Vorstellungen ihrer Epoche. Arbeiterkind, Autodidaktin: Sie erkämpfte sich ihren Platz gegen Widerstände, die andere längst hätten aufgeben lassen.
Hundert Jahre nach ihrer Geburt bleibt das Bild einer Frau, die sich weder ihre Stimme noch ihren Körper noch ihr Leben von anderen vorschreiben ließ.
Die Geschichte von Tommy Engel