Symbolfoto: Pixabay/Gracia
Von unserer Redaktion
Köln – Die Entführung der damals achtjährigen Nina von Gallwitz bleibt einer der rätselhaftesten Kriminalfälle in Deutschland. Nach 149 Tagen in Gefangenschaft kam Nina frei, doch die Täter wurden nie gefasst. Mittlerweile ist die Tat ist verjährt.
Im Juni 2023 hat Nina von Gallwitz vor dem Bundesgerichtshof erreicht, dass keine Fotos mehr von ihr in einer ZDF-Dokumentation gezeigt werden dürfen. Wir zeigen hier deshalb nur Symbolbilder.
Der Tag der Entführung
Am 18. Dezember 1981 verschwand Nina von Gallwitz auf dem Schulweg. Ihre Freundinnen bemerkten das Fehlen und informierten sofort Ninas Mutter, was eine groß angelegte Suche auslöste. Eine Hundertschaft der Polizei durchkämmte den Stadtteil und die umliegenden Grünflächen. Ninas Schulranzen wurde schließlich in einem Garten in der Nähe des Elternhauses gefunden. Bereits zur Mittagszeit meldeten sich die Entführer telefonisch und spielten eine Aufnahme ab, auf der Nina ihre Entführung bestätigte. Sie forderten die Eltern auf, die Polizei nicht einzuschalten, obwohl diese bereits nach Nina suchte.
Am nächsten Tag erhielten die Eltern einen Brief mit einer ungewöhnlichen Forderung: Statt einer konkreten Lösegeldsumme verlangten die Entführer, dass die Eltern selbst ein Angebot abgeben sollten. Hubertus von Gallwitz, Ninas Vater, bot 800.000 DM an, was die Entführer akzeptierten. Für jede gescheiterte Übergabe sollte die Summe um 50.000 DM steigen. Die Modalitäten zur Kontaktaufnahme waren ebenfalls außergewöhnlich: Der Vater sollte über Funk auf einer festgelegten Frequenz am Rheinufer montags oder mittwochs nachmittags Kontakt aufnehmen. Die Entführer wollten jedoch nicht über Funk antworten, sondern schriftlich per Brief.
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Booking.comDie gescheiterten Lösegeldübergaben

Der erste Versuch, das Lösegeld zu übergeben, fand am Heiligabend 1981 statt, scheiterte jedoch. Hubertus von Gallwitz sollte das Geld aus einem Zug auf ein Funksignal hin abwerfen. Die Entführer meldeten sich jedoch nicht, wahrscheinlich, weil sie die Anwesenheit der Polizei bemerkten. Auch der zweite Versuch am 30. Dezember 1981 schlug fehl. Diesmal sollte das Geld aus einem Hubschrauber abgeworfen werden, doch die Entführer erkannten vermutlich, dass nicht der vorgeschriebene Hubschraubertyp eingesetzt wurde und die Polizei involviert war.
Am 1. Januar 1982 informierten die Eltern die Öffentlichkeit und boten eine Belohnung für Hinweise zur Befreiung ihrer Tochter an. Die Entführer forderten nun 1,2 Millionen DM und die Einbeziehung des Kölner Dompropstes Heinz Werner Ketzer als Vermittler. Ein weiteres Lebenszeichen von Nina traf am 19. Januar 1982 ein: eine Tonbandkassette, auf der sie die Forderungen der Entführer wiederholte.
Ein dritter Übergabeversuch am 5. Februar 1982 scheiterte ebenfalls, weil der Hubschrauber aufgrund von polizeilichen Maßnahmen zu spät abhob. Die Entführer brachen daraufhin den Kontakt ab. Nach wochenlangem Stillstand und ohne weitere Lebenszeichen entschied sich die Familie, die Zusammenarbeit mit der Polizei zu beenden. Das Verhältnis zwischen der Familie und den Behörden war durch die erfolglosen Übergaben und die intensive Fahndung stark belastet.
Die Rolle der Vermittler

Mitte März 1982 wurden der Journalist Franz Tartarotti und der ehemalige Kriminaldirektor Hans Fernstädt als private Vermittler hinzugezogen. Sie verhandelten neun Wochen lang über Zeitungsanzeigen mit den Entführern, die in einer abgewandelten Vigenère-Chiffre kodiert waren. Die vereinbarte Lösegeldsumme stieg inzwischen auf 1,5 Millionen DM. Es wurden Tonbandkassetten und ein Brief als Lebenszeichen übermittelt, die bewiesen, dass Nina lebte und wohlauf war.
Am 12. Mai 1982 gelang die Geldübergabe. Franz Tartarotti warf das Lösegeld aus einem fahrenden Nachtzug zwischen Namedy und Andernach ab. Drei Tage später ließen die Entführer Nina an der Autobahn vor Solingen frei. Das Mädchen wurde geschwächt, aber äußerlich unversehrt, an einer Raststätte von einem Mitarbeiter entdeckt.
Das Leben nach der Befreiung
Nach der Freilassung kehrte Nina von Gallwitz in ihre alte Schulklasse zurück. Um ihr die Rückkehr in den Alltag zu erleichtern, wurde sie von Ärzten und Psychologen betreut. Die Familie hielt die Polizei weiterhin auf Distanz und veröffentlichte lediglich Tonbandaufnahmen von Gesprächen mit Nina, in denen sie ihre Erlebnisse schilderte.
In den Berichten über die Entführung wurde bekannt, dass Nina von zwei Personen namens „Peter“ und „Paul“ bewacht wurde. Eine dieser Personen war offenbar eine Frau, die sich um eine freundschaftliche Beziehung zu dem Mädchen bemühte. Während der Gefangenschaft wurde Nina unter den gegebenen Umständen relativ „gut” behandelt. Sie erhielt Comics, Bücher und Märchenkassetten zur Unterhaltung, und durfte malen und schreiben, dafür war sie in einem dunklen Zimmer fast ein halbes Jahr gefangen, ohne Kontakt zur Familie.
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Booking.comDer Verbleib des Lösegelds
Der Großteil des Lösegelds bleibt bis heute verschwunden. Ende 1982 tauchte ein 500 DM-Schein aus dem Lösegeld bei der Familie von Gallwitz auf. Ein angeblicher Entführer behauptete, von seinen Komplizen betrogen worden zu sein und bot seine Mithilfe an, die sich jedoch als wertlos herausstellte. Auch der Fund mehrerer Geldscheine in einem Wald bei Meinerzhagen führte zu keinem Fahnungserfolg.
Vier Männer versuchten, 400.000 DM in der Türkei umzutauschen, wurden jedoch mangels Intelligenz schnell als bloße Finder des Geldes entlarvt. Die Entführer hatten außergewöhnliche Intelligen gezeigt, außerdem Spezialkenntnisse bezüglich Chiffrieren, strategischer Planung sowie Verkehrsnetz und Transport. Es wird vermutet, dass das Lösegeld ins Ausland geschafft und unbemerkt in Umlauf gebracht wurde, was durch die damaligen begrenzten Möglichkeiten zur Überprüfung von Banknoten begünstigt wurde. Jeder
Das Versteck des Entführungsopfers
Nina konnte das Versteck nach ihrer Freilassung detailliert beschreiben. Es handelte sich offenbar um ein älteres Ein- oder Zweifamilienhaus mit Garage und einem abgedunkelten Raum, in dem sie die meiste Zeit verbrachte. Die genaue Lage des Hauses blieb jedoch ungeklärt. Verdächtige Hinweise wiesen sowohl auf das Rheinufer bei Leutesdorf als auch auf das Bergische Land hin, doch keine dieser Spuren führte zu einem Fahndungserfolg. Ein möglicherweise verdächtiges Haus brannte kurz nach Bekanntwerden des Verdachts nieder.
Am Ende gab es einen Verdacht, aber nie einen Namen
Nina von Gallwitz hat sich nach ihrer Entführung aus der Öffentlichkeit zurückgezogen und nie wieder öffentlich über das Erlebte gesprochen. Im August 2023 erstritt Nina von Gallwitz vor dem Bundesgerichtshof, dass persönliche Aufnahmen und Fotos aus einer ZDF-Dokumentation entfernt werden mussten, da diese ihr Persönlichkeitsrecht verletzten.
Der Fall der Nina von Gallwitz bleibt ein dunkles Kapitel in der deutschen Kriminalgeschichte. Trotz aller Anstrengungen der Ermittler und der privaten Vermittler konnten die Entführer nie gefasst werden, und der Verbleib des Lösegelds ist bis heute ungeklärt. Die privaten Ermittler vermuteten, dass es aufgrund der zahlreichen Pannen bei der Übergabe einen Informanten im Umfeld gab. Nach Ablauf der Verjährungsfrist soll Franz Tartarotti ein Schreiben erhalten haben, der diese These bestätigt haben soll. Der private Ermittler soll mindestens einen Verdacht bezüglich der Täter gehabt haben – aber die Namen hat er mit ins Grab genommen. Tartarotti ist im August 2022 gestorben.
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