Von STEPHANIE KAYSER
Köln – Von wegen Dauerparty, Suff und Schunkel-Schunkel: Es gibt die Geschichten, die das wahre Gesicht des Karnevals zeigen. Als der kleine Familienverein “Alt Köllen” vor dem Scherbenhaufen seiner monatelangen Arbeit steht, meldet sich der ganze Fasteleer. So läuft Hilfe op Kölsch.
Was war passiert? Die Mitglieder von Alt Köllen entdeckten Ende des Jahres Unregelmäßigkeiten in ihren Finanzen. Mehr als 30.000 Euro fehlten in der Vereinskasse. Am 28. Dezember setzten die Vereinsmitglieder ihren Schatzmeister ab und erstellten Strafanzeige wegen Veruntreuung. Der GAU kurz vor Start in den Sitzungskarneval.
Schlammschlacht nach Weihnachten
Der gechasste Schatzmeister soll in einem Schreiben an einen Vereinsoberen zwar zugegeben haben, “Mist” gebaut zu haben, aber der amtierende Präsident Stephan Degueldre habe es seinen Darstellungen nach gewusst und gebilligt (was der Beschuldigte abstreitet).
Weil der Ex-Schatzmeister ankündigte, weitere vermeintliche Verfehlungen des Präsidenten in die Öffentlichkeit zu tragen, trat der Präsident drei Tage später freiwillig zurück: Nach eigenen Angaben wollte der Vollblut-Präsident weiteren Schaden von seiner Gesellschaft abwenden. Erst vor einem Jahr war er unter Tränen von Festkomitee-Boss Chrisotph Kuckelkorn ernannt worden.

Erst vor einem Jahr ernennt Festkomitee-Boss Christoph Kuckelkorn Stephan Desgueldre zum Präsidenten von Alt Köllen
Alles auf NEU an Silvester
Am 31. Dezember, war die Stimmung am Boden – die Verzweiflung RIESIG: Desgueldre war nicht nur Präsident, als Sitzungsleiter führte er auch durch die Sitzungen, war als Literat auch noch fürs Programm zuständig. Und jetzt?
Da zeigte der Karneval sein wahres Gesicht. “Das Festkomitee hat sich direkt bei uns gemeldet und ganz unkompliziert Hilfe angeboten”, erzählt Alt Köllen-Sprecher Axel Kraemer beeindruckt. Festkomitee-Vorstand Markus Kramp, zuständig für Kommunikation, riet dringend zu einem Profi-Ersatz für die drei ausverkauften Sitzungen vor insgesamt 5.000 Jecken im Zelt. “Es war unglaublich, er hat mir gesagt, ich melde mich. Macht euch keinen Kopf”, so Axel Kraemer.

Alt Köllen-Sprecher Axel Kraemer ist gerührt und dankbar wegen der XL-Unterstützung
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Booking.comSo läuft Hilfe op Kölsch
Kurz danach kam der Anruf: Das Festkomitee hatte für alle drei Sitzungen Ersatz organisiert – KOSTENLOS. “Es haben sich so viele gemeldet, die einfach nur helfen wollten. NIEMAND aus ‘Sensationslust’, wirklich niemand wollte wissen, was jetzt genau bei uns los ist”, sagt uns der Alt Köllen-Sprecher.
Menschen wie Vollblut-Karnevalistin und “Schmuckstückchen”-Literatin Margret Lutter, die mit ihrem Mann Wolfgang die “Kölschagentur” betreibt: “Sie hat uns geschrieben und gefragt, was wir brauchen – Künstler, Security. Wir sollen uns einfach melden. Alles kostenlos”, erzählt Craemer beeindruckt. Der Luftflotte-Literat bot spontan an, als Back-Up die Sitzungen mit dem neuen Literaten Roland Schrey durchzuführen. “Gerade in solchen Zeiten so eine Unterstützung zu bekommen, hat uns wieder Mut gegeben.”

Neu-Literat Roland Schrey freut sich über die Mega-Stimmung bei seiner Premiere am Samstag
Die Volkssitzung im Video
Alt Köllen wird Chefsache
Beim Fall “Alt Köllen” schaltete sich sogar Festkomitee-Präsident Christoph Kuckelkorn persönlich ein. Während er am Donnerstag eigentlich die Fernsehprobe für die wichtige Proklamation hatte, eilte er mit einer XL-Abordnung des Festkomitee-Vorstands zum Neujahrsempfang von Alt Köllen – und hielt eine Mutmach-Rede, die den Karnevalisten die Tränen in die Augen treibt.
“Er hatte keine Zeit, was zu trinken, sich mal zu setzen, aber er wollte ein Statement setzen. Das hat uns unheimlich gut getan”, sagt Alt Köllen-Sprecher Axel Kraemer. Ex-Präsident Desgueldre hatte zu einem Boom unter den Mitgliedern geführt. Fast 100 Neuzugänge hatten den traditionellen Familienverein in den vergangenen Jahren belebt. Die Verunsicherung war zuletzt aber riesig: Was ist mit Spenden und Mitgliedsbeiträgen passiert? Nach der Rede von Kuckelkorn waren alle wieder optimistischer.
Das große Comeback mit der Volkssitzung

Auf der Bühne die Kölsche Harlequins, die Tanzgruppe von Alt Köllen
Am ersten Wochenende des Jahres jetzt das große Comeback von “Alt Köllen”. Wer auf der traditionellen “Volkssitzung” auf dem Neumarkt feierte, merkte nicht, dass der Verein vor zwei Wochen noch am Boden lag.
Die Stimmung: eine glatte 11 von 10. “Wir haben hier wirklich eine Mega-Party – einfach sensationell”, sagte Neu-Literat Roland Schrey, der seine Feuertaufe mit Bravour meisterte. Und Sprecher Axel Craemer: “Wir sind einfach nur glücklich, dass alles so gut läuft und die Leute einfach Spaß haben und Karneval feiern. Darum geht es hier ja schließlich!”
Wie heißt es schließlich am Rhein: Et hätt noch immer joot jejange – KÖLLE ALAAF!
P.S Mehr zur Proklamation von Kölns neuem Dreigestirn erfahrt ihr hier.
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